Das Yijing wird oft als „Buch der Wandlungen“ übersetzt – doch diese Übersetzung ist irreführend. Das Xici liefert seine eigene Definition: 生生之謂易 – das unaufhörliche Entstehen des Lebens aus dem Leben wird als Yi bezeichnet. Nicht die Verwandlung von einem Zustand in einen anderen, sondern die schöpferische Grundlage, aus der alles fortwährend entspringt.
Die auf dojo.be zitierte Passage stammt aus einem Abschnitt des Xici, in dem nacheinander drei Eigenschaften von Yi genannt werden. Die beiden vorangehenden Teile nennen die Eigenschaften 至精 und 至變 – höchste Verfeinerung und höchste Anpassungsfähigkeit –, bevor sie bei 至神 ankommen. Diese Eigenschaften beschreiben Yi, doch im Xici ist die Grenze zwischen dem Prinzip und demjenigen, der dafür empfänglich ist, selten festgezogen.
Die dritte Eigenschaft – 至神, höchste spirituelle Einstimmung – wird wie folgt beschrieben:
Der neokonfuzianische Philosoph Zhu Xi (朱熹, 1130–1200), dessen Kommentar Adler übersetzt, fügt eine Bemerkung hinzu, die den Abschnitt weiter erschließt:
„‚Stille‘ ist die Substanz der Anregung. ‚Anregen‘ und ‚durchdringen‘ sind die Funktionen der Stille. Das Geheimnis des menschlichen Geistes, in seiner Aktivität und Stille, ist ebenfalls so. “
— Zhu Xi, in Adler (Übers.), S. 279
Die Passage spricht von beidem: von Yi als Prinzip und vom menschlichen Geist, der gelernt hat, sich mit ihm zu bewegen. Das Thema ist doppelt. Was als die Natur von Yi beschrieben wird – ohne Gedanken, ohne Absicht, still offen und doch unmittelbar reaktionsfähig – ist gleichermaßen eine Beschreibung des Geistes in seinem empfänglichsten Zustand.
感, das Zeichen, das mit „angeregt“ übersetzt wird, verweist nicht auf einseitige Wahrnehmung, sondern auf gegenseitige Resonanz. Wenn der Geist wirklich still ist, öffnet sich etwas zwischen ihm und dem, was sich ihm darbietet. Aus dieser Öffnung folgt ganz natürlich 遂通 – unmittelbare, ungehinderte Verbindung. Wie Adler anmerkt, liest Zhu Xi diese Passage als Beschreibung der idealen Funktionsweise des menschlichen Geistes, in der Stille und Aktivität sich gegenseitig durchdringen.
Quelle
Joseph A. Adler (Übers. und Hrsg.), The Original Meaning of the Yijing: Commentary on the Scripture of Change, von Zhu Xi. New York: Columbia University Press, 2020.
Weiterführende Literatur
Wu Lijing, Rezension von Adler (2020), Journal of Cultural Interaction in East Asia 12/1 (2021): 73–78. Open Access: doi.org/10.1515/jciea-2021-2009
„Das Yi ist ohne Gedanken und ohne Handeln; still und unbeweglich, durchdringt es [verbindet es sich mit] allen Umständen unter dem Himmel, wenn es angeregt wird. Wäre es nicht das Geistigste unter dem Himmel, wie könnten wir daran teilhaben?“
— Übers. Joseph A. Adler, The Original Meaning of the Yijing (Columbia University Press, 2020), S. 279